Konnten Ammoniten womöglich richtig schwimmen und schweben?

Nein, das konnten sie sicher nicht. -  Ammoniten waren schalentragende Cephalopoden, deren Weichteile komplett unbekannt sind. Obwohl diese Tiere durch die Gasfüllung der Gehäusekammern ihr Schalengewicht verringerten, reichte die Entlastung nicht aus, um Schwebefähigkeit zu erreichen. Sie hatten dadurch jedoch weniger Gewicht zu tragen als marine Schnecken mit oft sehr dickschaligen Gehäusen. Welche Bedeutung die Schale für die Tiere überhaupt hatte ist leider unbekannt. Die teils bizarren Formen der Heteromorphen deuten allerdings auf eine eher geringe Bedeutung der Schale hin, über eine zu vermutende Schutzfunktion hinaus. Noch so spektakulär von der normalen Spirale abweichende Formen behinderten die Tiere offensichtlich nicht in ihrem Wachstum. Die oft gewaltigen Massen Ammoniten im Vergleich zum räuberischen Nautilus deuten darauf hin, dass sie nur ein niedriges Glied in der Nahrungskette darstellten und sich von einem noch niedrigeren massenhaft vorkommenden ernährten. Gesichertes Wissen über die Lebensweise von Ammoniten gibt es leider nicht, nun wohl aber zu ihrer angeblichen Schwimmfähigkeit.

Als Leitfossilien haben sich Ammoniten wegen häufigen Vorkommens und großer Artenfülle in der Stratigraphie bestens bewährt, d.h. bei der relativen zeitlichen Einordnung von Gesteinsschichten. Dafür sind nähere Kenntnisse über die Natur dieser Tiere nicht erforderlich. Wenn man allerdings Aussagen zur Ökologie ehemaliger Meeresgebiete anhand von Ammoniten gewinnen will, muss man ihre Lebensweise schon genauer kennen. Deshalb habe ich untersucht, welche objektiven Erkenntnisse auf naturwissenschaftlicher Basis aus den riesigen Mengen überlieferter Reste abgeleitet werden können, und das ist gar nicht so schwer.

diorama

Das Bild oben zeigt eine ganze “Herde” kriechender Ceratiten in natürlicher Generationenstruktur im Naturkundemuseum Schleusingen in Thüringen. Sebastian Brandt hat das Diorama gebaut.             

Bis in die achtziger Jahre hatte kaum jemand daran gezweifelt, dass Ammoniten schwimmen und schweben könnten. Alle Merkmale der Schale wurden in einen Zusammenhang mit dem angeblichen Schwebevermögen gezwängt, angelehnt an den entfernt verwandten Nautilus. Ich hätte diese rätselhaften Tiere auch gerne schwimmen lassen, doch die Fakten stehen dem entgegen. Bei kritischer Bewertung aller Befunde hätte man schon längst darauf kommen können, dass sie Bodenbewohner waren und sich somit nur kriechend fortbewegten. Ammoniten gehörten ausnahmslos zum Benthos, ebenso wie Schnecken, Muscheln, Seeigel usw.

Während der jahrzehntelangen Beschäftigung mit Ammoniten habe ich viele Paläontologen kennengelernt. Sie interessieren sich vor allem für das Trennende zwischen den Ammoniten, also die unterschiedlichen Arten. Demgegenüber ist für mich das alle Ammoniten Verbindende wichtig, sprich die Lebensweise. Ich schätze ihre Kompetenz in Sachen Taxonomie und Fundbeschreibung, weniger ihre unbegründeten Spekulationen. So wende ich mich gegen an Nautilus angelehnte Vorstellungen zur Lebensweise, die zudem noch den falschen Eindruck erwecken möchten wissenschaftlich zu sein.  Kluge Leute halten sich mit derartigen Spekulationen zurück. Spekulationen sind immer ein Ausdruck fehlenden Wissens und mangelnder Gewissheit. Seit mehr als dreißig Jahren würden einige einfältige Paläontologen nur zu gern die von ihnen favorisierte Schwimmfähigkeit von Ammoniten doch noch irgendwie nachweisen. Es bleiben vergebliche Bemühungen, denn meine Untersuchungen hatten gezeigt, dass Ammoniten nicht nur wegen fehlender Schwebefähigkeit aufs Leben am Boden beschränkt waren.

Die Paläontologie kann leider keine zuverlässigen Aussagen liefern, im Gegensatz zu exakten Wissenschaften. Überhaupt ist es da mit der Wissenschaft und vor allem mit der Einstellung dazu oft nicht weit her. Gelegentlich werden wissenschaftliche Standards sogar bewusst missachtet. So hat mir Herr Dr. G. Schweigert (2009) leichtfertig und unredlich fehlerhafte Berechnungen unterstellt, ohne auch nur einen blassen Schimmer für eine kompetente Beurteilung zu haben, eigentlich ziemlich dumm. Meine Ergebnisse passten ihm bei oberflächlichen Spekulationen über die mögliche Funktion des Aptychus nicht ins Konzept. Er vermutete, dass ein mit Aufsiedlern bewachsenes Aspidoceras mit Aptychen und Andeutungen von Weichteilresten in der Wohnkammer lebend in den Bereich der oberjurassischen Plattenkalke geschwommen sein könnte. Wie alle früheren Kritiker meiner Ergebnisse auch (der kürzlich verstorbene G. Westermann und seine Glaubensbrüder) musste er einen objektiven Beweis schuldig bleiben. Eine Behauptung ohne Beweis ist wissenschaftlich nichts wert. Ich würde mich jedenfalls schämen, einen guten Bekannten in dieser miesen Art und Weise zu kränken und seine Glaubwürdigkeit anzugreifen.

Einfachste physikalische Zusammenhänge werden von vielen Paläontologen leider nicht verstanden, ja, wenn es um die Lebensweise geht, scheuen sich manche Bearbeiter nicht, den größten Unsinn zu verbreiten. So sank z.B. nach Aussage von Herrn Prof. H. Keupp das Gehäuse erst zu Boden, wenn der Weichkörper vergammelt war. Solange der Körper in der Schale steckte, war noch Auftrieb da. Der Auftrieb ist seit jeher ein großes Mysterium vieler Paläontologen. Offenbar führt allein schon der Begriff Auftrieb zu Missverständnissen. Sie stehen vor dem Dilemma, nicht erklären zu können, warum die Schalen der angeblich schwimmenden Ammoniten nach Verlust des Weichkörpers nicht aufstiegen, sondern trotzdem auf den Boden gelangen und einsedimentiert werden konnten. Da müssen sie schon etwas zaubern.

Zu zuverlässigen Ergebnissen kann man tatsächlich nur gelangen, wenn man unvoreingenommen an die Untersuchung der Lebensweise herangeht. Unterschiedliche Methoden können dabei benutzt werden. Ich bin u.a. durch Berechnungen mit Hilfe der schon vor 2000 Jahren von Archimedes gefundenen Regeln der Hydrostatik zu eindeutigen Resultaten gekommen, die sich später auf anderem Wege untermauern ließen. Siegfried Rein (Erfurt) hat mit einer anderen Vorgehensweise die gleichen Ergebnisse erzielt. Einen richtigen Paläontologen lassen Beweise solcher Art aber kalt, er kann sie ohne Kenntnisse in Physik nicht einschätzen und will ja nur alten Vorstellungen glauben ohne zu wissen. Paläontologen kennen Ammoniten nur so wie Briefmarkensammler ihre Marken kennen. Ohne unvoreingenommene Beurteilung vertun sie damit gelegentlich sogar zum Greifen nahe wichtige Erkenntnisse, wie es z B. Prof. A. Seilacher 1982 erging (siehe Seite “Aufsiedler”).

Mich begannen Ammoniten und ihre Lebensweise näher zu interessieren als ich meinen Bruder 1974 beim Besuch einer Tongrube begleitete. Er war schon damals ein begeisterter Sammler und ist auch heute noch Leiter der Naturkundegruppe in Bünde. Das Sammeln fand ich dann zwar auch sehr schön und unterhaltsam, doch auf die Dauer nicht so recht befriedigend. Schon bei meinem ersten Fund, einem Macrocephalites aus dem Wittekindflöz nahe der Porta Westphalica, begann ich zu grübeln, was für Tiere Ammoniten wohl gewesen sein könnten, wie sie gelebt haben und warum ihre Schalen so anders aussehen als die des rezenten Nautilus. Ich wollte mehr über Ammoniten wissen und hoffte, anhand eines besonderen Fundes einen untrüglichen Hinweis auf die Natur des Weichkörpers zu ergattern. Das gelang mir erst viel später ansatzweise bei den Heteromorphen mit Schlusshaken.

Niemand hatte anscheinend daran gedacht, dass Ammoniten ganz anders ausgesehen haben könnten als der noch lebende Nautilus. An ihm hat man sich immer orientieren wollen. Bei näherem Hinsehen ist seine Ähnlichkeit mit Ammoniten sehr gering. Es hätte auch beachtet werden müssen, dass Nautiliden gegenüber Ammoniten immer ziemlich selten waren. Der Grund dafür dürfte in der völlig anderen Ernährung zu suchen sein.

Der Weichkörper ist leider gänzlich unbekannt, Aussagen dazu sind besonders spekulativ. Allerdings können aus Merkmalen der Schale wie etwa Wohnkammerlänge, Windungsquerschnitt, Einrollungsgrad sowie weiteren Erscheinungen der Schale wichtige Erkenntnisse zu physikalischen Eigenschaften des Gehäuses und damit zur Lebensweise abgeleitet werden. Dann zeigt sich, dass Ammonitentiere sicher nicht schweben konnten. Dafür waren sie mit ihren langen Wohnkammern zu schwer und aus weiteren Gründen wie der Lagestabilität und der Gehäuseausrichtung ungeeignet. Unter günstigen Umständen konnten leere Schalen gelegentlich, aber nicht generell, nach der Verwesung des Tieres an die Oberfläche aufsteigen und in Lagunen verdriftet werden.

Anfangs war ich auch noch von traditionellen Vorstellungen beeinflusst und musste lange nach einem gangbaren Lösungsweg für die Ermittlung der Lebensweise suchen. Erst später wurde mir klar, dass viele Vorstellungen gar nicht naturwissenschaftlich begründet sind und auf reiner Spekulation beruhen. Bei Überlegungen zur Lebensweise werden nicht alle verfügbaren Beobachtungsergebnisse beachtet, sondern immer nur solche, die in das gerade ausgedachte Konzept passen könnten. Paläontologen denken immer zu klein. Seit den frühen Anfängen dieses Fachs vor ca.150 Jahren ist kein entscheidender Fortschritt geglückt. So schwer wäre das eigentlich gar nicht, doch es fehlt das analytische Denken, das kritische Abwägen des Für und Wider eines Gedanken.

Mit Expertenwissen und darauf basierenden möglichst genauen Berechnungen kommt man aber zu zuverlässigen Ergebnissen. Anfang 1982 habe ich meine neu gewonnenen Vorstellungen bodenbezogener Lebensweise im Anschluss an einen Vortrag im Steigenklub, der damals noch im “Waldhorn” in Plochingen tagte, während der anschließenden Diskussion eingebracht. Die anwesenden Paläontologen Prof. Adolf Seilacher und Ulf Bayer ließen sich von meinen Argumenten zumindest beeindrucken und luden mich zu einem weiteren Gespräch nach Tübingen ein. Nach diesem Gespräch habe ich dann mein Computerprogramm zur Berechnung wichtiger hydrostatischer Eigenschaften der Ammonitenschale geschrieben, und die Ergebnisse wurden 1983 mit Unterstützung von Herrn Dr. G. Dietl publiziert. Auf einem Symposium im September 1983 in Tübingen wurde erstmals darüber berichtet. Das schon im Vorfeld geäußerte große Interesse von G. Westermann an diesen Ergebnissen zielte leider wohl nur darauf ab, wie sie am besten niederzumachen wären. Glücklicherweise war ihm das nicht möglich, und er musste sich später auf Polemik beschränken. Objektivität gehörte leider nicht zu seinen großen Stärken. Aufgrund neuer Befunde von N. Landman et al. (2012) war er immerhin noch ins Grübeln gekommen, hatte noch einmal Kontakt mit mir aufgenommen und war ein Stückchen zurückgerudert.                            

Aus meinen Überlegungen zur ontogenetischen Entwicklung heteromorpher Formen abgeleitete Prognosen zur Ontogenie von Gastropodenschalen konnten inzwischen von Checa & Jiménez-Jiménez (1997) durch seitlich an wachsende Schalen von planorbiden Schnecken angebrachte Zusatzgewichte und als Folge davon deformierte Gehäuse experimentell bestätigt werden und erhalten dadurch zusätzliches Gewicht.  

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